Samstag, 26. November 2016
F60.31
trick84, 19:06h
...stand als Diagnoseschlüssel in dem Brief, der vor 12 Jahren an eine gemeinschaftlich geführte Psychotherapiepraxis im Ruhrgebiet gefaxt wurde. Postalisch würde er einige Tage später ebenfalls eintrudeln - man könnte sagen, eine vorbildliche Befundübermittlung. Das Schreiben umfasste 5 Seiten und dokumentierte die so ziemlich merkwürdigsten Tage, die der Verursacher dieses Schriftverkehrs je erlebt hatte. Dieser war bei weitem weniger eindrucksvoll; im Wartezimmer der Praxis saß ein blasser, dicklicher Junge mit strähnigen, aschblonden Haaren und einer falschen Hornbrille, die drohte, ihm jeden Moment von der Nase zu rutschen. Er blickte gedankenverloren auf seine Turnschuhe und zuckte zusammen, als sein Name aufgerufen wurde.
Bei dem Arzt handelte es sich um einen jungen Psychiater unter 40, der ihn freundlich begrüßte und auf einen unbequemen Stuhl gegenüber seines Schreibtischs komplimentierte. Er selbst nahm auf der anderen Seite des Tisches Platz und begann, nachdem eine halbe Minute des Schweigens verstrichen war, die gleichen Fragen zu stellen, wie schon die Ärztin in der Klinik. Er erhielt die gleichen, mal mehr mal weniger stockenden, einsilbigen Antworten. Wenn es den Arzt verärgert hatte, so ließ er es sich nicht anmerken, lächelte geschäftsmäßig und klopfte dem Jungen in wohl aufmunternd gemeinter Art auf die Schulter - "das wird schon wieder!".
Wenige Minuten später fand der sich auf der Straße wieder, in der Jackentasche zwei Zettel. Der eine war ein Rezept über einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, der andere ein Termin für ein Erstgespräch, dialektisch-behaviorale Therapie. Was auch immer das war, es hörte sich nicht gut an.
Wie war ich überhaupt in diese Lage gekommen? Es war schwer zu sagen, woran es lag. Ich hatte Abitur gemacht und meinen Zivildienst an einem kleinen Duisburger Krankenhaus begonnen. Die Arbeit war anstrengend aber ich war nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem alteingesessenen Personal warm geworden und hatte Spaß daran gefunden, Patienten zu pflegen und mich nebenbei in ihre oftmals erschöpfend langen Krankenakten einzulesen. Für einen zukünftigen Medizinstudenten hätte es kaum eine bessere Stelle geben können als auf dieser Station, in diesem Krankenhaus. Und doch hatte sich eine bisher ungekannte innere Anspannung bei mir eingeschlichen, die sich im Laufe der Wochen immer und immer weiter gesteigert hatte bis es für mich kaum noch auszuhalten war. Der einzige Weg, diese Empfindung irgendwie zu durchbrechen, schien darin zu bestehen, mich mit einem noch stärkeren Reiz abzulenken. Zu dieser Zeit habe ich mich zum ersten Mal selbst verletzt. Immer wenn die innere Unruhe zu groß wurde, habe ich mich selbst in den Arm geschnitten. Das Gefühl flaute, abgelöst durch den Schmerz, ab und der Anblick meines eigenen Blutes hatte einen seltsam tröstenden und zugleich beuruhigenden Effekt auf mich. Es hat funktioniert - und doch hatte ich, auch wenn es mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war, eine Grenze überschritten. Es dauerte von da an noch etwa 3 Monate, bis bei mir die Diagnose einer Emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ gestellt wurde.
Bei dem Arzt handelte es sich um einen jungen Psychiater unter 40, der ihn freundlich begrüßte und auf einen unbequemen Stuhl gegenüber seines Schreibtischs komplimentierte. Er selbst nahm auf der anderen Seite des Tisches Platz und begann, nachdem eine halbe Minute des Schweigens verstrichen war, die gleichen Fragen zu stellen, wie schon die Ärztin in der Klinik. Er erhielt die gleichen, mal mehr mal weniger stockenden, einsilbigen Antworten. Wenn es den Arzt verärgert hatte, so ließ er es sich nicht anmerken, lächelte geschäftsmäßig und klopfte dem Jungen in wohl aufmunternd gemeinter Art auf die Schulter - "das wird schon wieder!".
Wenige Minuten später fand der sich auf der Straße wieder, in der Jackentasche zwei Zettel. Der eine war ein Rezept über einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, der andere ein Termin für ein Erstgespräch, dialektisch-behaviorale Therapie. Was auch immer das war, es hörte sich nicht gut an.
Wie war ich überhaupt in diese Lage gekommen? Es war schwer zu sagen, woran es lag. Ich hatte Abitur gemacht und meinen Zivildienst an einem kleinen Duisburger Krankenhaus begonnen. Die Arbeit war anstrengend aber ich war nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem alteingesessenen Personal warm geworden und hatte Spaß daran gefunden, Patienten zu pflegen und mich nebenbei in ihre oftmals erschöpfend langen Krankenakten einzulesen. Für einen zukünftigen Medizinstudenten hätte es kaum eine bessere Stelle geben können als auf dieser Station, in diesem Krankenhaus. Und doch hatte sich eine bisher ungekannte innere Anspannung bei mir eingeschlichen, die sich im Laufe der Wochen immer und immer weiter gesteigert hatte bis es für mich kaum noch auszuhalten war. Der einzige Weg, diese Empfindung irgendwie zu durchbrechen, schien darin zu bestehen, mich mit einem noch stärkeren Reiz abzulenken. Zu dieser Zeit habe ich mich zum ersten Mal selbst verletzt. Immer wenn die innere Unruhe zu groß wurde, habe ich mich selbst in den Arm geschnitten. Das Gefühl flaute, abgelöst durch den Schmerz, ab und der Anblick meines eigenen Blutes hatte einen seltsam tröstenden und zugleich beuruhigenden Effekt auf mich. Es hat funktioniert - und doch hatte ich, auch wenn es mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war, eine Grenze überschritten. Es dauerte von da an noch etwa 3 Monate, bis bei mir die Diagnose einer Emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ gestellt wurde.
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